ISBN: 978-3-99028-688-3 Verlag Bibliothek der Provinz , Weitra 2017
104 Seiten, 19 x 13 cm, Broschur € 13,00
Leseprobe (PDF)

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Das Meer hat die Insel genommen. Alles unter Wasser. Das dichtere Medium lässt das Licht kürzer brechen, sodass die wohlbekannten architektonischen Verhältnisse der umliegenden Häuser und Landschaften verkleinert sind. Durch die Strömungen im Wasser verzerren sich Geraden konvulsiv zu Kurven und zurück. Ein Fensterkasten wölbt sich vor wie das Auge eines Tieres, um dann wieder Teil der Fassade zu sein. Die Bewohner schweben im Auftrieb des Wassers, durch Schwimmbewegungen kommen sie voran. Ein paar wenige gehen wie Artisten auf den Stromleitungen über den Straßen, mit riesigen Stangen um zu balancieren. Regenschirme scheinen ein beliebtes Accessoire zu sein. Da lässt sich eine ganze Gruppe mit Schirmen in der Hand vom Dach des zweistöckigen Jahrhundertwendehauses herab. Der Schirm bremsen die Erdanziehung effizient. Auf die Atmung, das Sprechen, Reden und Lachen scheint das Wasser keinen Effekt zu haben, alle reden wie gewohnt. Ich höre wie gewohnt. Das Wasser ist verschmutzt vom Dreck des Festlandes. Staub tänzelt im schräg einfallenden Licht. Darüber, zur Wasseroberfläche hin, jenseits der Seilakte, der langsame Hin- und Her-Tanz eines riesigen Hammerhaischwarmes. Alles ist verlangsamt durch die Dichte des Wassers. In Blau- und Grautönen. Überall haben sich Luftblasen festgesetzt, auch meine Hände sind von Bläschen überzogen. In Zeitlupe gehe ich auf die grün gestrichenen Schwing- türen des einen alten Landhauses zu, die langsam aufgehen, damit zwei Personen in tänzlerischer Langsamkeit herausschweben und durch mich hindurchgehen als wäre ich nichts oder Wasser oder nur eine optische Erscheinung. Tristanakkord, lange gezogen zu Minuten. Gis. Etwas sitzt in mir, meine Rippen scheinen die Beine einer riesigen Wasserspinne zu sein. Ihr Kopf beißt sich fest an etwas im Herzraum. E. Ein Schmerz, ganz langsam, ganz lang. Dis. In meiner Hand das kalte Messing der Türklinke. Dis-Gis-H-F. Der Akkord. Die feuchte Kälte nagt an mir. Ich bleibe so stehen, die Türe aufhaltend, so wie der Akkord auch stehen bleibt, die spielerisch-aufsteigende Auflösung von Dis, E, Fis zu A kommt nicht. Ich blicke in meine Hand, die ganz blau ist.

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Unten an der Küste gewinne ich Land. Ich habe einen Deich angelegt. Dauernd versuche ich durch Anhäufungen, Umschichtungen und Verlegungen dem Meer Land abzunehmen. Klei eignet sich bestens dafür. Den klebrigen Rest der Ebbe in die Schubkarre schaufeln und heran karren. Ich erweitere den Deich um sechs, sieben Quadratmeter, indem ich ihn absteche und drei Meter weiter schaufle und wieder aufschichte. Das Dammniveau erhöhe ich um mindestens zehn Zentimeter, zur Vorsicht. Die Bilder von kalbenden Gletschern in der Antarktis vor Augen.


Der Roman Klei erschien im Dezember 2017 in der Bibliothek der Provinz


Stimmen über den Roman:

„Klei" war für mich irgendwie wie wenn man durch eine Art Geisterbahn fährt – manchmal sieht man nix, dann erkennt man etwas wieder, dann bekommt man plötzlich eine Breitseite von rechts und links und landet mit weit geöffneten Sinnen im nächsten Abteil.
Barbara Fink

Helmuth Schönauer: Klei

Die intensivsten Romane sind immer jene, die einem Zustand, Material oder einer Lage gewidmet sind. Klei ist alles davon und so etwas wie der reine Roman. Klei ist nichts anderes als getrockneter Schlick, der sich jeden Tag neu formiert, um sich nach einer Weile wieder zu verlagern. Markus Lindner zeigt vielleicht so etwas wie eine mentale Robinsonade, einen Bildungsroman über einen Aussteiger, der auf dem Weg in die Zukunft im Lebens-Schlick hängen bleibt. Der Ich-Erzähler hat eine kleine Erbschaft gemacht und arbeitet fallweise als Korrektor, so kann er sich einen beinahe romantischen Lebensstil auf einer kleinen Insel vor der Zivilisation leisten. Manchmal fängt er seltsame Spooters, das sind Delikatessenwürmer vom Strand, dann legt er wieder einen kleinen Spieldeich an und erobert sich etwas Land. Sonst versucht er im Lebenslauf der Inselbewohner unterzukommen und feiert den Brauch, dass die Gemeinschaft aus dem Häuschen ist, wenn jemand ans Festland fährt, um zu studieren. „In den letzten Tagen begannen wir über die Inselbewohner zu reden." (33) Für die visuellen Künste ist eine Dunkelkammer eingerichtet, darin sollen Fotos von antarktischer Größe entwickelt werden. Denn so sehr man auch aussteigt, in der vernetzten Welt wird man von allem eingeholt. Das trifft auf den Schlick genauso zu, der aus den Festlandgletschern abgerieben ist, wie auf den gigantischen Plastikmüll im Ozean, der mittlerweile als eigener Kontinent betrachtet wird. „Die nächsten Tagen - oder waren es Wochen oder Monate? - sind Treiben, wie ein Stück Treibholz herumgeworfen werden im Seegang." (60) Der Geographielose Zustand im Grau von Nebel, Schlick und Amorpher Masse lässt sich empfinden als seltsame Mischung aus Hoffnung, Blindheit und Manie. (70) Der Held fährt aufs Festland, fliegt von einem Airport im Nebel weg und rattert plötzlich durchs Waldviertel. Der Schlick bei Gmünd ist ähnlich wie der Klei an der Küste, die Begegnungen mit den Menschen sind seltsam klar verhangen wie bei erinnerten Personen aus der Kindheit. Der Fluss ist zuerst einfach da, später erfährt man von ihm, dass er Thaya heißt und so etwas wie einen Verlauf hat. Er gleicht in seiner mäandernden Verborgenheit den Menschen, die plötzlich jäh hinter dem größten Truppenübungsplatz des Kontinents auftauchen. Und dann geht es in den Winter zurück zum Schlick, Inseln sind seit jeher ideale Gefängnisse. Markus Lindner erzählt von einem romantischen Helden, der sich hinter dem Web auf konkretem Boden klar werden und ausbreiten will. Aber der Boden ist schwammig, und auch das Firmament schaut heutzutage wie eine Grafik im Netz aus, das W der Cassiopeia leuchtet heutzutage als Buchstabeninstallation auf dem Display. (66) - Romantisch, klar und voller Balance im schwammigen Grund!
Helmuth Schönauer 30/12/17



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Fotos und Bilder (c) Markus Lindner