Die Namenlosen

'terras licet' inquit 'et undas
obstruat: et caelum certe patet; ibimus illac:
omnia possideat, non possidet aera Minos.'


"Mag er Land und Wogen sperren",
sprach er [Daidalos], "der Himmel ist frei.
Dorthin gehen wir:
Alles beherrscht Minos, (aber) die Lüfte beherrscht er nicht."


Ovid, Metamorphosen, Daedalus und Ikarus / Buch 8, Verse 185-188

Vielleicht ist Ikaros da vorne ins sein Wassergrab gestürzt, deutet Yannis ins Meer. Auf der Flucht vor König Minos. Zusammen mit seinem Vater Daidalos. Dem Labyrinth entflohenen, aber weiterhin der Rache der Athene ausgesetzt. Sie hatten sich Federn mit Wachs an Armen und Händen befestigt und so Flügel geformt. Du weißt, er kam der Sonne zu nahe, und obwohl ihn sein Vater warnte. (So rächte Athene den Tod des Perdix, des Neffen von Daidalos, den dieser aus Neid auf seine Erfindungen 16jährig ermordete.) Jedenfalls hat Ikaros der Insel und dem Meer ringsum seinen Namen gegeben.

Die Toten der letzten Monate waren alle ohne Namen. Und wem oder was waren sie zu nahe gekommen?

Das Mädchen lag hier mitten am Strand, mit dem Gesicht nach unten, erzählt Yannis, als wir an der Brandung spazieren, nach einer minutenlangen Pause. Was mich noch mehr schockierte, war, … dass die Hände … so nach oben verdreht waren. Und er dreht die Hände nach oben und zieht die Finger zu Fäusten, dass sich die Knochen hell unter seiner dunkelbraunen Haut abzeichnen. Jemand klammert sich fest an einen Strick. Das Mädchen war etwa 10 Jahre alt. Der andere Angeschwemmte des 19. Dezembers war ein etwa 20jähriger Mann, berichtet er weiter.

Die nachfolgenden Winterstürme brachten jeden Tag etwa ein Dutzend Schwimmwesten. Außerdem war der Strand übersäht mit Medikamentenpackungen wie Amoxipen, Spandoverin und Diclopinda: also Antibiotika, Schmerzmittel und Tabletten gegen die Seekrankheit. Einmal fand ich einen weißen, plüschenen Hotelpantoffel des Istanbul Holiday Hotels, überzogen mit dutzenden schwarzen stacheligen Samenkörnern und schleimigen grünfädigen Algen. Wie nutzlos ist das alles in der stürmischen Ägäis, vorallem in Booten, die nicht seetauglich sind. Die Insel ist viel zu weit von der türkischen Küste entfernt, alsdass hier solche Boote überhaupt ankommen könnten. Aber durch die isolierte Lage in der Ägäis, zwischen Samos und Xios im Osten und Norden und Kreta im Süden, fungiert die Insel wie ein riesiger quergelegter Rechen aus Fels, 40 Kilometer breit in der stürmischen Strömung, die im Winter von den Dardanellen entlang der türkischen Küste und durch die Ägäis nach Kreta im Süden zieht.

Am 5. Jänner wurden weitere Leichen angeschwemmt. Eine war eine Frau in den Zwanzigern. Sie war komplett nackt, erinnert sich die Ärztin Thea. Die griechischen Gesetze verlangen eine Autopsie nach jedem unnatürlichen Tod. Sie war ein fürchterlicher Anblick, denn obwohl sie Arme und Beine hatte, fehlte ihr das Gesicht. Keine Haut, kein Fleisch, nur der blanke Schädel. Sie hatte einen riesigen Bauch wie eine Schwangere. Sie war aufgebläht von ihren verrottenden Eingeweiden. Die Ärztin schätzt, dass sie etwa zwei Wochen im Wasser war, bevor sie der Sturm vom Meeresgrund hier an die Küste brachte. Es werden dann immer DNA-Proben genommen. Manchmal finden sich so Verwandte.

Die offiziellen Statistiken sprechen von 3771 Toten nur in den griechischen und türkischen Hoheitsgewässern im letzten Jahr. Diese Zahlen spiegeln aber nur einen Teil der Realität wieder. Denn wenn wir die Anzahl der Schwimmwesten hernehmen, sagt Thea, ohne den Gedanken weiterzuführen.

Es gibt jetzt Gerüchte, dass sich die Fische von Flüchtlingsleichen ernähren, erzählt der Fischermann Gorgos. Er verliert immer mehr Kunden. Sie verzichten auf Fisch , solange so viele Menschen hier ertrinken. Etwas in meinem Magen zuckt. Plötzlich liegt mir der Hai von vorgestern schwer wie Steine darin. Aber was kann so ein Konsumstreik schon bewirken? Gorgos hält für sehr wahrscheinlich, was alle glauben: dass die meisten Leichen gar nicht angeschwemmt werden, weil sie sich im scharfspitzigen, felsigen Meeresgrund und in den Spalten und Höhlen der Küsten verfangen. Und dort verwesen und von den Fischen angefressen werden. In den Netzen des Fischers finden sich Schwimmwesten, Rucksäcke mit Mobiltelefonen und Dokumenten, Kleidungsstücke und andere Gebrauchsgegenstände. Ihre Besitzer hat er nie gefunden, obwohl er immer wieder das Meer absuchte, um jemanden zu retten, sobald er etwas fand. Er schaut mich lange verzweifelt an, senkt dann den Blick und schüttelt den Kopf.

Immer, wenn ich den Meereshorizont sehe, suche ich ihn unwillkürlich nach Objekten ab. Und wirklich, am Balkon einer Taverne, mitten in einem heißen Nachmittag, gleißt das Meer weißgolden, der Horizont ist verschwunden, denn das Meer geht einfach in den Himmel über, und ein schwarzer Punkt bewegt sich langsam darin. Ich zeige den Punkt aufgeregt der Kellnerin, spreche sie auf Englisch an, mit dem Zeigefinger deute ich ins Meer hinaus, aber sie sieht nichts, versteht nicht, um dann plötzlich ins Haus zu laufen und mit einem Feldstecher zurück zu kehren. Sie kann mich überzeugen, dass es ein Fischerboot ist, die typische Kabine zeichnet sich eindeutig ab. They use a net, sagt die Kellnerin, die mit dem Zeigefinger ins Meer deutet und ebenso erleichtert scheint wie ich.

Meldungen in den Medien, dass im Schiffswrack von Antikythera ein Skelett gefunden wurde. Manche Medien mutmassen nun, dass womöglich der Erfinder des Mechanismus‘ gefunden wurde. Eine DNA-Analyse wurde veranlasst.




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Fotos und Bilder (c) Markus Lindner